Indien

König der Strassen

Seit einer gefühlten Ewigkeit sitzen wir auf dieser Rückbank. Es ist die Rückbank von Aapo. Die Rückbank von Aapos Rikscha. Ob er uns zu diesem Markt am Stadtrand von Bangalore fahren könne? Yeeeeeezzz Madam, yeeeeezzzz no problem… Das war vor etwa drei Stunden… Natürlich hat Aapo keinen blassen Schimmer, wo er uns hinbringen soll. Und wir wissen nach 100 Abzweigungen, Abkürzungen und U-Turns nur noch, dass wir wieder einmal auf der berühmten Strasse nach Nirgendwo unterwegs sind.

Während Aapo an jeder Kreuzung wahllos Passanten nach dem Weg fragt und diese zielsicher abwechselnd nach Süden, Norden, Westen oder Osten zeigen, fassen wir unsere bisher gesammelten Erkenntnisse zum indischen Strassenverkehr aus den letzten Wochen in drei handliche Grundsätze zusammen:

Regel 1: Es herrscht Linksverkehr. Wobei Rechts natürlich auch geht. Hauptsache eines von Beidem.

Regel 2: Wenn du als Ausländer in einen Verkehrsunfall verwickelt bist, bist du in jedem Fall schuld, denn Kausalhaftung auf indisch geht in etwa so: Wärt ihr zwei Ausländer nicht in mein Land gekommen, hätte ich mich nicht sekundenlang nach euch umdrehen müssen und dann wäre ich ganz bestimmt nicht mit meinem Motorrad in dieses 40cm tiefe Schlagloch gefahren und hingefallen.

Regel 3: Wer Vortritt hat leitet sich aus Huplautstärke x Fahrzeuggewicht x Mut-des-Fahrers2 ab. Wem das zu kompliziert ist, der kann auch folgende vereinfachte Faustregel anwenden: Fussgänger < Fahrrad-Rikscha < Moto-Rikscha < Taxi < Transporter < Lastwagen < Bus.

Ein solcher Bus überholt uns jetzt gerade. Der Bus, er ist der König im Strassenverkehr. Der König schert direkt in den Gegenverkehr aus, seine Hupe ist im Dauereinsatz. Der entgegenkommende Verkehr rettet sich in den Strassengraben oder wechselt alternativ selbst in den Gegenverkehr, was dem Chaos das bestimmte „etwas“ verleiht. Warum Busfahrer es so eilig haben ist uns weiterhin einigermassen unklar, wahrscheinlich hat es irgendwas Abgefahrenes mit Religion zu tun. Etwas später kommt der Verkehr an einer Kreuzung komplett zum erliegen. Weiter vorne erspähen wir wieder den durchgeknallten Bus. Doch etwas ist anders: Er hupt nicht mehr. Sowieso hupt fast niemand! Erst sind wir verwirrt, dann stellen wir fest: Eine Kuh blockiert die Kreuzung. Würde hier ein Verkehrstoter liegen, der Verkehrsmob würde solange auf den toten Inder einhupen, bis dessen Karma im Eilverfahren über eine Reinkarnation entschieden hat und sich der arme Typ in Luft aufgelöst hat. Doch bei der Kuh gestaltet sich die Situation anders. Die Kuh ist heilig und heilige Kühe dürfen machen was sie wollen. Om!

Minuten später rollt der Verkehr wieder. Die holy cow steht nun auf der anderen Strassenseite und frisst not so holy food: In Plastiksäcken verpackter Müll. Derweilen passen wir Regel 3 an: … < Lastwagen < Bus < heilige Kuh.

Wir steigen wieder bei Aapo auf die Rückbank. Where are we now? Clooose to the market Madam, veeeeerrry close…

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