East Asia

Der wahnwitzige Nachbar

Auf den ersten Blick geht das Leben in der Hauptstadt seinen gewöhnlichen Gang: Rush-Hour in der U-Bahn, Konsumrausch in den Einkaufszentren, ausgelassene Stimmung am Stadtfest. Doch schon ein kurzer Blick in die Zeitung verrät, dass in dieser Region nicht alles so normal ist, wie es den Anschein hat. Die Zeitungsartikel handeln von Lee‘s, die gerade erwischt wurden, weil sie eine Untergrundarmee gründen wollten. Oder sie berichten über Yun‘s, die davon erzählen, wie sie vorbereitet wurden. Vorbereitet wurden auf ihre Einsätze im Süden. Auch die Autobahn, die nördlich aus der Hauptstadt führt, erscheint auf den ersten Blick gewöhnlich. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckt man endlose Stacheldrahtzäune, welche zuerst nur unregelmässig, mit fortschreitender Entfernung jedoch immer häufiger von militärischen Wachposten unterbrochen werden. Und plötzlich, eine gute Autostunde von der Hauptstadt entfernt, weist ein Strassenschild darauf hin, dass man sich einer demilitarisierten Zone nähert. Die Autobahn endet abrupt. Militärkontrolle. Dann: Niemandsland. Tagsüber darf man sich hier nur an wenigen Punkten und nur mit einer offiziellen Genehmigung aufhalten. Nachts herrscht strikte Ausgangssperre.

Der Konflikt ist seit über 60 Jahre ungelöst. Menschen haben dabei ihr Leben gelassen. Millionen von Menschen. Die Lage hat sich zwar beruhigt, es gibt einen brüchigen Waffenstillstand. Doch ein Friedensvertrag gibt es nicht, die Nation steht weiterhin mit sich selbst im Krieg. Im Süden die Kapitalisten, im Norden die Kommunisten. Im Süden hat man sich mit der Lage so gut wie möglich arrangiert. Arrangiert, aber nicht aufgegeben. Man versucht sogar eine gemeinsame Wirtschaftszone zu betreiben. Denn spricht man mit den Menschen, so wird eines deutlich: Die Leute im Norden, das sind trotz allem ihre Mitbürger. Viele haben Verwandtschaft dort. Doch nur die allerwenigsten Familien erhalten die Möglichkeit im Rahmen eines nationalen Programms, ihre Familienangehörigen zumindest noch einmal in ihrer Lebenszeit für ein paar Tage zu besuchen. Und somit bleibt der Nation nur die entfernte Hoffnung, dass sich irgendwann, irgendwann in der Zukunft der Süden und der Norden wieder vereinigen werden. Bis dahin bleibt die demilitarisierte Zone die wohl unwirklichste Grenze. Und in den Medien wird man weiterhin von Lee’s und Yun‘s lesen, von Frachtschiffen in Panama oder von Seilbahnen aus der Schweiz.

2 Comments on Der wahnwitzige Nachbar

  • Reto says:
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    Eine traurige Geschichte schön erzählt. Ihr habt richtig Talent und ich freue mich auf mehr davon!

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